Gabriele Kukla
ES KOMMT, WIE ES IST
Galerie Mitte - Berlin, Singerstraße - November 1998

Die Frage, in welchem Sinne dieses abgewandelte Brecht-Wort hier zu verstehen ist, drängt sich auf - Fatalismus? Oder vielmehr die vitale Gelassenheit des Künstlers angesichts der Unwägbarkeiten und Zumutungen der Zeitläufte ? Und daß es im Auf und Ab des Lebens letztendlich doch nur auf das Eine ankommt: Sich in seiner Zeit zu behaupten, dem eigenen Anspruch zu genügen und mehr als allen äußeren Zwängen vor allem der inneren Notwendigkeit zu folgen, die Arbeit zu tun, die Tag für Tag neu bewältigt sein will. Sabine Teubner, 1953 in Leipzig geboren, arbeitet seit mehr als 20 Jahren in Berlin. Von 1972-77 hat sie an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee studiert, Bildhauerei zuletzt 1975-77 bei Werner Stötzer. Zu ihrem Ausstellungsdebüt in der Berliner Kunstausstellung 1979 erkennt die Kunstkritik (Flügge/Semrau-Bildende Kunst 3/80) die „provozierende Rigorosität“, mit der sich die junge Bildhauerin um eine Gesinnung bemüht, „die Erlebnis und Erkenntnis des Individuellen und Allgemeinen, die Ganzheit der Probleme zum Motiv zusammenführt, damit auf das Kunstwerk als mehr oder weniger vollendetes, geschlossenes Beziehungsgefüge orientiert ist, statt auf den Rezeptionsvorgang, darauf, dem Betrachter vordergründige Angebote zum Genuß zu machen.“
Diese Entschiedenheit des künstlerischen Wollens kennzeichnet Sabine Teubners Arbeit bis heute, unbeschadet von den Wandlungen, die ihr Werk seitdem zu bestehen hat, den Veränderungen der äußeren Lebensumstände wie wechselnden künstlerischen Problemstellungen. Am Anfang steht die Auseinandersetzung mit dem Bild des Menschen in der Skulptur ganz im Vordergrund. Mehrfach beteiligt sich Sabine Teubner an den Bildhauer-Symposien im Sandsteinbruch Reinhardtsdorf bei Pirna. Die Freundschaft mit Otto Niemeyer-Holstein von 1975 bis zu seinem Tode ermöglicht ihr, seither auch in Benz auf Usedom im Freien bildnerisch zu arbeiten und die dem Maler gehörende Benzer Mühle mit dem sie umgebenden Gelände als Sommeratelier zu nutzen. Viele ihrer eindrucksvollen Steinskulpturen entstanden dort, einige befinden sich noch heute auf Usedom. Die frühen Marmorarbeiten „Sitzendes Mädchen“ (1978), „Knieende“ (1979), „Paar“(1980) sowie drei ebenso maßvoll strenge Sandsteinreliefs gehören zum Skulpturengarten von Lüttenort, dem ehemaligen Maleranwesen Niemeyer-Holsteins zwischen Achterwasser und dem offenen Meer, das, nach seinem Tod als Museum weitergeführt, ein naturnaher Ort der Begegnung mit seinem Werk wie den Arbeiten der Künstlerfreunde geblieben ist.

Sandsteinskulpturen von Sabine Teubner, die in den Jahren 1982-85 entstanden, befinden sich auch an verschiedenen Plätzen in Berlin in öffentlichem Besitz - so die „Kindergruppe“ im Park des Fachkrankenhauses Herzberge, „Das Mädchen mit dem Fohlen“ im Seniorenheim Kaulsdorf-Nord oder ein „Sitzender Junge“ an der Sonderschule Neue Roßstraße. Nachhaltige Anerkennung und die Aufmerksamkeit einer größeren Öffentlichkeit fand die Arbeit der Künstlerin in den Jahren von 1988-91 vor allem durch ihr Beteiligtsein an bedeutenden Gruppenausstellungen Berliner Bildhauer und Maler in dieser Zeit: „Skulpturen im Treptower Park - 1988“(gemeinsame Ausstellung mit Bildhauern aus Österreich, u.a. Avramidis, Hrdlicka, Wotruba), „Plastik in der Franziskaner-Klosterkirchenruine - 1988“, die das Werk Werner Stötzers in der Gemeinschaft junger Bildhauerkollegen würdigte, die in unterschiedlicher Weise durch ihn wesentliche künstlerische Anregungen empfangen hatten. Begleitet von einem aufwendigen Katalogbuch wurde diese Ausstellungskonzeption im darauffolgendem Jahr zu dem umfassenden Projekt „Werner Stötzer - seine Lehrer - seine Schüler“ erweitert und in der Westberliner Bildhauergalerie Messer-Ladwig sowie in der Galerie am Körnerpark des Kunstamtes Neukölln gezeigt. In Sabine Teubners Auswahl hierfür wie auch in ihrem Beitrag zu der vorangegangenen Ausstellung „Form und Farbe in Ebene und Raum“ ( Erfurt, Galerie am Fischmarkt und Berlin, Ephraimpalais) deutet sich bereits die entscheidende Wende in ihrer künstlerischen Entwicklung an, die sie im folgenden konsequent weiterführt: zunehmend findet die Klärung des bildnerischen Problems „Figur im Raum“ nicht mehr dreidimensional in der Skulptur sondern auf der Fläche statt - zuerst in der Bildhauerzeichnung, dann mehr und mehr in der Ölmalerei, die im anfänglichen Stadium eine reiche Werkreihe von Aktmalereien, Gruppenkompositionen wie einzelnen Figurenbildern entstehen läßt, die wie mit dem Pinsel gezeichnete Skulpturen erscheinen, deren feste, gebaute Körperlichkeit deutlich aus der „Faszination des Konstruktiven als Mittel stringenter Vergewisserung“ erwächst. (Semrau im Katalog „Form und Farbe...“s.o.1989)
Die Künstlerin zeigt in ihrer Ausstellung in der Galerie Mitte (nebenbei die erste, die sie allein bestreitet) jetzt fast ausschließlich Malerei der jüngsten Zeit, die sich weit von den konkret figürlichen Darstellungen in Skulpturen, Zeichnungen und Bildern der Vergangenheit entfernt. Zum bestimmenden Element dieser gegenwärtigen Malerei Sabine Teubners ist das Phänomen Farbe geworden, die in großzügig rhythmisierenden Bildformen das Figürliche in die Fläche bindet und eine expressive Bildwelt erschafft, die zu einem wesentlichen Teil elementar durch das Erlebnis Afrika, seiner Natur, wie seiner Menschen, angeregt ist. Längere Aufenthalte im Senegal in den letzten Jahren haben Annäherung und Vertrautsein mit einer ganz anderen, fremden Kultur und Lebensform befördert, die sie im gemeinsamen Arbeiten und Zusammenleben mit senegalesischen Freunden auch hier in Berlin täglich neu erfährt.

Das Bewußtwerden eines sehr ursprünglichen Körpergefühls wird dabei intensiviert durch eigene Erfahrungen mit dem afrikanischen Tanz, seine starke Emotionalität , die mitreißende Ausdruckskraft traditioneller Tanzformen wie daraus entwickelter freier Choreografien. Gemeinsam mit der Tänzerin Fatou Niang gestaltet Sabine Teubner an der Jugendkunstschule Pankow ein komplexes Kursprogramm für Kinder und Jugendliche das, Tanz und Malerei verbindend, im kreativen Spiel mit den eigenen Möglichkeiten Grundbegriffe beider Kunstarten vermittelt und in den jungen Akteuren das Bewußtsein für Wechselwirkungen und Zusammenhänge wecken will und durch das eigene Erleben der Beziehung von Körper und Raum in beiden Kunstformen auch zum Empfinden des großen Zusammenhanges von Mensch und Natur in seiner Ganzheit beitragen möchte.

Die aus dieser Komplexität gewonnenen Anstöße für die künstlerische Arbeit der Bildhauerin und Malerin selbst sind vielfältig - wie Gestaltungselemente des Tanzes oder der Rhythmus des Trommelwirbels in den eruptiven Malgestus neuerer Bilder einfließen, verbildlicht sich ihr skulpturales Empfinden auf andere Art in der getanzten Figur, wird der Tanz zum bewegten, vergänglichen Bildwerk. Die Skulptur ist der bleibende Urgrund ihrer künstlerischen Existenz. In der Ausstellung liegen einige wenige Skulpturen und Reliefs im Sand der Bodenfläche, die für den Tanz gedacht war. Wie die Skulpturen in diesem Grund versinken, scheint ihr aus den bildhauerischen Erfahrungen die Kraft zu einer neuen großen Form in der Malerei erwachsen zu sein. Vom bildnerischen Denken bestimmt erscheinen auch ihre, oft torsohaft verkürzten, gemalten Akte, in ähnlich weicherer, impressiver Malschrift vorgetragen wie die großformatigen Porträts, in denen die eigene psychische Befindlichkeit oder die Persönlichkeit des porträtierten Gegenüber eher verhalten und behutsam ausgesprochen wird und die in ihrer malerischen Ausgewogenheit einen schönen Kontrast zur Dynamik der afrikanisch motivierten Arbeiten bilden.

Zu reifer Entfaltung gelangen die Frische und Spontaneität ihrer Malerei 1996 in der Leuchtkraft der bezaubernden kleinen Aquarelle, tagebuchartigen Skizzen vor Ort, in denen die uns ferne und fremde Welt des schwarzen Kontinents ganz unmittelbar festgehalten ist. Die seither konsequente Hinwendung zur Malerei hat in Sabine Teubners Arbeit der letzten zwei Jahre reiche Früchte getragen.

⇑ nach oben ⇑     x schließen x